Todesfall im Umfeld

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    • Todesfall im Umfeld

      hi, ich benutz mal eben dieses Forum für etwas privates. Ich brauche gerade einfach einen Ort, um Gedanken zu ordnen, und ggf. etwas Feedback von verschiedenen Leuten zu bekommen. Fühlt euch also frei, auf jeden Teil dieses Beitrags zu antworten.

      Ich habe letzte Nacht erfahren, dass ein Künstlerkollege von mir letzten Freitag jung verstorben ist. Dem ein oder anderen gegenüber habe ich ja schon mal erwähnt, dass ich über Jahre hinweg als Bühnenkünstler (Poetry Slammer) durch Deutschland getourt bin. Auf solchen Touren lernt man viele Leute kennen, vor allem viele andere Künstler, die meisten lernt man respektieren, zu anderen entwickeln sich tiefe Freundschaften. Und vor allem sieht man viele mehr als einmal. Jan war jetzt kein Mensch, zu dem ich iwie ne tiefere Beziehung entwickelt hatte, man hatte sich öfters gesehen, mal ein Wort miteinander gewechselt, und im Backstage n Bier zusammen getrunken. Und er war einer der ersten Künstler, die ich in der Szene kennenlernen durfte.

      Aber das ist so die Sache, die meine Gedanken zu meinen Gefühlen kompliziert machen. Ich kannte ihn nicht gut, hab selten direkt mit ihm geredet, und wenn ich ganz ehrlich sein darf: Obwohl ich ihn als Künstler und als Menschen respektiert habe, hab ich doch seine Art oft als unangenehm empfunden. Welches Recht habe ich da zu trauern? Und doch: Da war dieser Mensch, den man immer wieder gesehen hat, aber jetzt nie mehr sehen wird. Mit dem man immer wieder Zeit verbracht hat, aber der jetzt nie wieder da sein wird. Und den man vor allem nie wirklich kennenlernen durfte. Da gab es nie Kontakt, der über die Oberfläche hinausging, und trotzdem stimmt mich das irgendwie traurig, dass es nie die Gelegenheit gab, tiefgründigere Gespräche zu führen, festzustellen, was für ein Mensch da wirklich hinter dieser Art steckte.

      Es ist einfach ein komisches Gefühl, wenn plötzlich jemand, den man kannte, nicht mehr da ist.

      Ich hatte bisher immer das Glück, dass ich davon verschont blieb jemanden zu verlieren, der mir nahestand. Während des Abis verstarb jemand aus meiner Stufe bei einem Motorradunfall, aber mit dem hatte ich keinen Kurs, und hatte nie mehr als 5 Worte mit ihm gewechselt. Wir waren eine große Stufe wegen des Doppeljahrgangs in NRW. Letztes Jahr verstarb der leiter einer Jugendeinrichtung, in der ich jahrelang als Freiwilliger gearbeitet habe. Auch zu ihm hatte ich nie eine wirklich tiefgehende Beziehung, aber da er durch seine Arbeit schon sehr großen Einfluss auf mein Leben hatte, traf mich das schon.

      Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist jemanden zu verlieren der einem wirklich nahe steht.

      Und dann stellt sich die Frage, was das für einen selbst bedeutet, mit dieser Endlichkeit konfrontiert zu werden. Es kann wirklich von heute auf morgen zu Ende gehen. Das ist der Bereich, wegen dem ich schwierigkeiten habe mit Leuten aus meinem direkten Umfeld über meine Gefühle in dem Bereich zu reden. Ich möchte nicht das Gefühl vermitteln, dass ich die Sache nur auf mich beziehen möchte, ich möchte nicht, dass ich aus dem Tod eines Menschen ein Thema mache, dass nur um mich selbst handelt. Aber es stellen sich einfach so unendlich viele Fragen, so viele Gedanken stauen sich an.

      Ich frage mich einfach, was wäre wenn ich von heute auf morgen sterben würde. Das drängenste, was mir einfällt, ist, wie wenig die Menschen aus meinem Umfeld eigentlich von mir wissen. Selbst Menschen, die ich zu meinen engsten Freunden zählen, haben nie mein wahres selbst gesehen. Durch Erfahrungen die ich seit frühester Kindheit gemacht habe, habe ich einen Teil von mir innerlich stark abgeschottet und im Umgang mit anderen Menschen eine Maske aufgesetzt. Diesen Prozess rückgängig zu machen ist harte Arbeit. In den letzten Monaten habe ich da große Fortschritte gemacht, konnte die Maske vielen gegenüber ablegen. Aber es ist halt weiterhin noch viel Arbeit. Und wenn ich jetzt sterben würde, würden viele nie erfahren, wer ich wirklich war, und mein Andenken wäre ein Andenken an einen Menschen, der ich nie wirklich war. Das ist ein sehr seltsames Gefühl.

      Was das Thema Tod für mich auch noch seltsam macht: Ich habe ein paar Jahre finsterste Depression hinter mir. So finster tatsächlich, dass ich der festen Überzeugung war, dass ich meinen 25. Geburtstag nicht mehr erlebe. Die letzten Jahre hat sich bei mir Krise an Krise gereiht, ich war mir sicher, irgendwann kommt eine, die meinen Willen bricht und ich zur Klinge greife und es beende. Ich war mir sicher, dass es irgendwann so kommen würde. Und dann, am 23. September letzten Jahres bin ich 25 geworden. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie seltsam sich das angefühlt hat. Ich war wirklich über mehrere Wochen hinweg verdutzt darüber. Ich war darauf emotional gar nicht vorbereitet. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keinerlei Vorstellungen von der Zukunft mehr, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass ich sowas wie Zukunft habe. Aber ich bin immer noch hier. Das war in einer Form ein sehr heilsames Gefühl. Trotz all der Krisen bin ich immer noch hier. Ohne den Suizid versucht zu haben, ohne mich selbst zu verletzen, gab es irgendwas, das aus bloßer Sturheit all die Krisen überdauerte.

      Und wenn ich jetzt sehe, wie jemand aus meinem Umfeld jung stirbt, da drängt sich einfach der Gedanke auf: Das hättest du sein können, der jetzt einfach weg ist. Das ist ein sehr komisches Gefühl.

      Danke fürs Lesen.
      Geisteskrank und Spaß dabei

      "Ich befinde mich am Rande zum Wahnsinn. Genauer gesagt, auf der schmalen Line zwischen Wahnsinn und Panik. Gleich um die Ecke von Todesangst, nicht weit weg von Irrwitz und Idiotie. Also nur, falls ihr mich suchen solltet."
      (Bernd D. Brot, dt. Philosoph)
    • Ich kenne diese Gedankengänge die du da hast. Es ist erst ein paar Wochen her da ist ein Junge aus meinem Heimatdorf bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Er war erst 20 Jahre alt. Mit ihm hatte ich auch nie sonderlich viel zu tun, war nur mit seinem Bruder ein bisschen befreundet. Und obwohl wir uns nicht sehr Nahe standen hab ich danach wirklich ein ganze Weile Schlafprobleme gehabt und oft stundenlang über den Tod nachgedacht. Sogar beim Autofahren hatte ich eine Weile ein echt mulmiges Gefühl.

      Da stellt sich Einem ja die Frage woran das liegt. Vielleicht weil er jünger war als ich? Bisher kannte ich persönlich auch Niemanden der gestorben ist und jünger war als ich. Aber warum bringt Einem das so aus der Bahn? Ich glaube, der Gegensatz zu meiner Oma oder meinem Opa (beide bereits gestorben) ist der Unterschied dass da ein junger Mensch ums Leben gekommen ist der Hoffnungen und Träume hatte, der Pläne für sein Leben hatte. Und für den Abend an dem er gestorben ist. Es ist schlimm darüber nachzudenken was evtl. wäre wenn man selbst diese Person ist. Wenn man selbst viele Dinge bereits zum letzten Mal gemacht hat.

      Ich kenn dich ja bereits ein bisschen privat. Und irgendwie ist es doch auch was Positives, finde ich zumindest. Du sagst du hast oft drüber nachgedacht dein Leben zu beenden. Ich geb zu, da kann ich mich nachwievor wenig reinversetzen, aber ich glaube dadurch dass du jetzt so ausfürhlich drüber nachdenkst was in deinem Leben so Alles nicht mehr passieren könnte zeigt sich eben doch dass du sehr an deinem Leben hängst und die Depressionen vielleicht gar nicht mehr so übergreifend sind.

      Ich für meinen Teil hab mich durch den Tod meines Bekannten durchaus ein wenig verändert. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Ich fahre viel vorsichtiger. Ich versuche die guten Dinge in meinem Leben mehr zu genießen (und wenn es nur einen heißen Kakao ist oder ein tolles Buch). Es ist eben nicht Alles selbstverständlich in unserer Leben. Und das ist auch gut so. Uns geht es (oder zumindest wünsche ich das allen vDlern) doch gar nicht so schlecht. Es kann einem Jederzeit treffen, überall. Das macht das Leben nur umso lebenswerter. :)

      Mein Angebot kennst du ja bereits, falls dich was bedrückt, kannst du mich jederzeit anschreiben. Du bist mein Freund, ich bin für dich da. ;)
    • Ich bin ein total sensibler Mensch und will gar nicht erst an den Tod denken. Aus meinem näheren Umfeld ist vor Jahren jemand gestorben, da hatte ich aber noch nicht wirklich ein Bewusstsein dafür gehabt. Auch im äußeren Umfeld habe ich noch keinen Todesfall miterlebt, ich habe noch nie das Gefühl gehabt, jemanden verloren zu haben, vielleicht habe ich deshalb so eine Angst davor. Nicht mal Blut kann ich sehen, da bekomme ich direkt ein Schwindelgefühl und auch an Selbstmord -was ich nie tun könnte- habe ich schon einige male gedacht. Naja, ich weiß nicht. Ich würde mit einem Todesfall in meiner Familie z. B. überhaupt nicht klarkommen, man weiß nie, wann man selbst stirbt.

      Deshalb habe ich schon seit geraumer Zeit mein Lebensmotto mit "Carpe diem" gefunden. Kurzer Beitrag von meinerseits...
      Wahlkreis Steglitz-Zehlendorf VI

      Ersatzrichterin des Obersten Gerichts

    • Ich finde eure Offenheit echt große Klasse! Das ist ein sehr schwieriges Thema. Der Tod ist ein ständiger Begleiter des Lebens.

      Genau heute vor 12 Jahren wurde ich das erste Mal damit in meinem direkten Umfeld konfrontiert. Da starb mein Opa. 12 Tage später meine Oma. Fand ich sehr schrecklich.
      Ein Jahr später trat das ein, wovor ich die meiste Angst hatte: mein krebskranker Vater starb. Und das auch noch in meinen Armen. Ich war zu dem Zeitpunkt 22 Jahre alt. Habe im Anschluss alles gemanagt: Sarg, Trauerfeier, Blumen, Beerdigung... für meine Mutter eine enorme Entlastung. Sie hatte ja auch innerhalb eines Jahres drei geliebte Menschen verloren.

      Ich flüchtete mich also in die Organisation von allem Anstehenden. Lange Zeit konnte ich nicht wirklich um meinen Vater trauern. Versteht das nicht falsch - ich habe meinen Vater sehr geliebt und immer eine sehr starke Bindung zu ihm gehabt. Ich konnte aber einfach nicht trauern. Keine Träne konnte ich vergießen. Dieser Einbruch kam erst fast ein halbes Jahr später. Aber dann heftig.

      In der Zeit der Trauer, war mir mein Glaube eine große Stütze. Weil ich halt der festen Überzeugung bin, dass mein Vater und meine Großeltern nur „vorausgegangen“ sind. Ich werde sie irgendwann wieder sehen. Diese Überzeugung war ein starker Trost in dunklen Tagen. Nun ist mein Vater in diesem Jahr 11 Jahre tot und es verging kein einziger Tag, an dem ich nicht an ihn gedacht habe. Und das steigert meine Vorfreude auf das Wiedersehen.

      Ein guter Kumpel von mir (in meinem Alter) hat sich im Drogenrausch mit ner vollgeladenen, doppelläufigen Schrotflinte den Kopf weggeschossen. Das war in unserem Freundeskreis ein erheblicher Schock. Und für mich das erste Mal, dass ich mit dem Tod eines Gleichaltrigen konfrontiert wurde.

      Ein Jahr nach dem Tod meines Vaters bekam ich die Diagnose „Blutkrebs“! Und da wurde mir mit einem Mal meine eigene Sterblichkeit bewusst, die schneller kommen konnte als Gedacht. Mit 23 Jahren war ich dann gezwungen (aufgrund einer Selbständigkeit) mein Testament zu machen. Das Gefühl wünsche ich niemandem. Ich habe den Krebs besiegt aber das Testament habe ich kurz nach der Geburt meiner Tochter geändert. Aber ich bin noch immer im Besitz eines notariell beglaubigten Testaments.

      Meine Lieben, was ich sagen will: der Tod wird uns immer begleiten. Und aus Erfahrung kann ich sagen, dass man nur Angst vor dem ersten Sterben eines Angehörigen hat. Man weiß nicht, wie es ist, jemanden vielleicht sogar sterben zu sehen. Es gibt die Zeit zum Trauern. Es gibt die Zeit, Geschehnisse zu verarbeiten. Es gibt aber auch die Zeit, Wunden heilen zu lassen. Ein Mensch ist erst dann gestorben, wenn man nicht mehr über ihn spricht.
    • Erst einmal meinen größten Respekt für deine sehr offenen und ehrlichen Worte! All das "zu Papier" zu bringen, auch in einem solchen "geschützten Raum" der Anonymität ist das alles andere als einfach.

      Persönlich habe ich in meinem unmittelbaren Umfeld bislang glücklicherweise wenig Kontakt mit dem Tod gehabt. Großeltern und Urgroßeltern - aber alle in einem Alter und Zustand, in welchem der Tod eine Erlösung ist, aber nichts, was Gedanken und Emotionen wie deine, die ich vollumfänglich verständlich finde, auslösen würde. Ansonsten Eltern von Freunden, aber auch da waren es meist Situationen, wo es kein plötzliches aus dem Leben reißen war. Ich glaube aber, dass es bei solchen plötzlichen Todesfällen gar nicht entscheidend ist, ob man sich nun besonders eng war oder nicht, um individuell ein Gefühl von Trauer zu empfinden - weil genau das, was du sagst, ja auch für jene gilt, die diese Menschen nicht immer um sich hatten oder gut mit der Person befreundet waren: Da war jemand, den man kannte - und man wird ihn nie wieder sehen! Allein dieser Umstand ist ja bereits in der Vorstellung fürchterlich - und da ist es egal, ob ich über meine Familie, meine Freunde oder Personen, die ich über die Arbeit ein paar Mal etwas kennengelernt habe, betrifft. Natürlich in unterschiedlicher Intensität, aber selbst dann, wenn nur das Wissen vorhanden ist, man hätte sich wiedergesehen und es wird eine Situation geben, wo alle da sind, nur diese Person nicht, ist auch beim Überdenken einer solchen Szenerie beklemmend. Aber, so blöd es klingt, vermutlich sind diese Gedanken und Gefühle vollkommen normal und vor allem sind sie absolut ok. Du fragst: "Welches Recht habe ich zu trauern?" Sag dir dann aber auch: "Wer hat das Recht, mir das Recht zu trauern zu nehmen?". Trauer, unabhängig der Intensität, ist etwas verdammt individuelles und persönliches und niemand hat das Recht irgendwem zu sagen, ob, wie, wie lange und in welcher Art er trauern darf. Trauer, wenn dir danach ist. Tu es nicht, wenn dir nicht danach ist. Versteh das bitte nicht als "gute Ratschläge", sondern eher als das, was ich bisher für mich in Situationen der Trauer mitgenommen habe. Wie gesagt, dabei ging es nicht primär um den Tod eines Menschen, aber ich möchte behaupten, die Logik der Trauer ist die gleiche, unabhängig von Intensität und Ursache. Wer wirklich trauert, der trauert. Und das ist ok.

      Lawrence Arabia schrieb:

      Und irgendwie ist es doch auch was Positives, finde ich zumindest. Du sagst du hast oft drüber nachgedacht dein Leben zu beenden. Ich geb zu, da kann ich mich nachwievor wenig reinversetzen, aber ich glaube dadurch dass du jetzt so ausfürhlich drüber nachdenkst was in deinem Leben so Alles nicht mehr passieren könnte zeigt sich eben doch dass du sehr an deinem Leben hängst und die Depressionen vielleicht gar nicht mehr so übergreifend sind.
      Wir kennen uns nicht wirklich persönlich, aber unabhängig von der Person finde ich die Logik in diesem Satz von Lawrence ziemlich treffend. Ein absolut guter Gedanke!

      Wenn es um die Frage der eigenen Endlichkeit bzw. der Möglichkeit, dass es jederzeit jeden treffen könnte, geht, komme ich für mich selbst manchmal schlicht nicht weiter. Die Frage des "Warum dieser Mensch?" findet niemals eine Antwort. Es gibt zwar oftmals Gründe für den Tod oder zumindest Erklärungen. Immer wieder gibt es aber auch nichts, was sinnvoll erklären kann, warum es nun gerade DIESEN Menschen trifft. Man kann sich diese Frage mit Gottes Willen oder dem Schicksal beantworten, kann sich andere Antworten überlegen - aber eine wirklich erklärende Antwort, die über die Kraft des Glaubens hinaus geht, wird es nicht geben. Es ist absolut nachvollziehbar, dass man sich diese Frage stellt - andererseits glaube ich manchmal, dass sie es eigentlich nicht Wert ist. Sie ist unergründbar, und doch verstehe ich jeden, der diese Frage stellt und eine Antwort finden möchte.

      Ich finde es manchmal selbst etwas komisch, aber wenn ich hin und wieder über die Endlichkeit nachdenke, kommt mir immer wieder der Gedanke, dass der Tod ein Umstand ist, den wir nun mal hinnehmen müssen - und er manchmal eben unerwartet, plötzlich und unerklärlich kommt. Wenn ich mir also die Frage "Warum dieser Mensch?" nicht stelle, weil ich keine Antwort finden kann, gibt es keinen Grund, die Frage "Warum ich?" zu stellen. Ebenso wenig die Frage: Wann? Wir sollten uns bewusst sein, dass es jederzeit geschehen kann - aber wir sollten nicht immer wieder hinterfragen, "Wann?" und "Warum ich?". Wenn es so kommt, kommt es so. Alles, was wir tun können, ist, mit offenen Sinnen durch das Leben zu gehen. Sterben kann aber jeder von uns jederzeit - das ist schrecklich, aber es ist ebenso wahr und die Wahrheit kann, wenn man sie annimmt, auch befreiend sein, weil das Wissen, dass es so ist, wie es ist, dazu führen kann, dass wir Momente anders wahrnehmen. Ebenso, wie es Lawrence oder Katharina beschrieben haben. Carpe Diem oder das Buch als Genuss, der warme Kakao als wunderbarer Moment des Lebens. Das macht es einfacher, zu akzeptieren, dass es danach vorbei sein könnte. Ich glaube, je mehr man das genießt, was man lebt, kann man das Leben als schön, sinnvoll und gut ansehen und hat im Falle eines plötzlichen Todes nicht die Frage offen, ob man das Leben lebte, das man wirklich, tief in sich, leben wollte. Und somit wird, zumindest für mich, der Tod in der Theorie akzeptabler, denn wer sein Leben so füllt, dass er es als gut und sinnvoll erachtet, der hat die Jahre, die er hatte, so genutzt, wie er sie nutzen wollte. Versteht mich nicht falsch, das ist keine Belehrung, einfach eine Meinung. Vielleicht fehlt mir auch die wirklich unmittelbare Erfahrung der realistischen Gefahr des Sterbens, um dies anders zu sehen.

      Die Frage, wer man selbst eigentlich ist und wie man sich gegenüber anderen darstellt, ist eine, die glaube ich nur schwer eine endgültige Antwort finden kann. Es gibt in meinem Leben nur wenige Personen, die mich wirklich umfassend kennen, weil ich ihnen über die Jahre vieles über mich gesagt habe. Aber wer kennt einen denn wirklich? Meine Eltern wissen manches über mich nicht - nicht mal, weil ich es nicht erzählen möchte, sondern weil es weder Grund oder Anlass, noch Nachfrage gibt. Meine engsten Freund*innen ebenso. Vermutlich ist meine Exfreundin die Person, die mich am besten kennt. Aber ich könnte diese Frage selbst gar nicht abschließend für mich beantworten, weil es im Leben immer Variablen gibt, die den Menschen mit seinen eigenen Überzeugungen und Selbstbildern in Konfrontation bringt. "Wer bin ich" ist glaube ich ein lebenslanger Aushandlungsprozess - und wenn ich mir, so blöd dieses Beispiel nun klingen mag, meinen Vater vor Augen halte, der gerade kurz vor der Pensionierung steht, erlebe ich, dass man auch mit Mitte 60 auf der Suche danach sein kann, was eigentlich diese vielen Stunden Arbeit am Tag sinnvoll ersetzen kann. Nicht, weil er kein festes Selbstbild hätte - sondern weil es eine neue Situation ist. Und so gibt es im Leben verschiedenste Situationen, so glaube ich, in denen wir dieses "Ich" neu finden müssen, manchmal in vielen Bereichen, manchmal in weniger Bereichen. Daraus leitet sich aber auch ab, dass es nur sehr schwer möglich ist, Menschen ALLES über sich zu offenbaren. Zeitlich und persönlich. Man verändert sich, durchlebt verschiedene Epochen in seinem Leben - all das einem anderen Menschen, für den man selbst erstmal ein Blanko-Papier darstellt, nahezubringen, dauert sehr lange und ist immer mit dem Risiko verbunden, dass Teile dieser Persönlichkeit, die vielleicht so zentral und relevant gar nicht sind, auf Ablehnung stoßen. Ich halte es daher für durchaus nachvollziehbar und menschlich, sich anderen Menschen gegenüber nur bedingt zu öffnen. Und ich behaupte einfach mal, dass ich selbst kaum einen meiner Freunde wirklich umfassend und in jeder Facette seiner/ihrer Art kenne.

      Ob das hier nun Sinn ergibt, kann jeder für sich entscheiden. Das war auf jeden Fall das, was mir in den Sinn kam, nachdem ich den ersten Beitrag von dir und die darauf folgenden gelesen habe. Falls du mal ein offenes Ohr brauchst, weißt du, wo du es auch finden kannst!


      „Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren.“

      Karl Popper


      Hätten wir nicht das Glück gehabt, in Europa, sondern in Afrika geboren zu sein, könnten wir jetzt in den Booten sitzen oder im Mittelmeer ertrinken.
    • Wallace Wells schrieb:

      Welches Recht habe ich da zu trauern? Und doch: Da war dieser Mensch, den man immer wieder gesehen hat, aber jetzt nie mehr sehen wird.
      Genau das ist dein Recht zu trauern. Eine Trauerfeier/Beerdigung ist eine seltsame Sache. Man macht eine Veranstaltung für eine Person, richtet sich nach seinen/ihren Wünschen aus, und dabei hat diese Person gar nichts davon. Es ist alleine für die Hinterbliebenden, damit diese mit der Trauer umgehen können. Und das kann sehr unterschiedlich und auch unerwartet sein und auch von anderen als unangemessen wahrgenommen werden. Aber jeder hat bei jedem Trauerfall wieder eine andere Art damit umzugehen. Mal trauert man mehr, mal weniger. Das ist auch nicht an objektiven Kriterien festzumachen. Das ist rein subjektiv und situativ. Ich persönlich konnte feststellen, dass mich der Tod eines Großelternteils umso mehr mitnimmt, je älter ich werde. Das ist auch irgendwie nicht "fair" gegenüber meinen bereits verstorbenen Großeltern. Aber es ist eben so.

      Zu dir Wallace, kann ich sagen, wir kennen uns seit ich weiß nicht wie vielen Jahren. Und doch kann ich mit absoluter Sicherheit sagen, dass ich dich nicht wirklich kenne. Dabei kenne ich deinen echten Namen, wir haben schon viele Gespräche miteinander geführt. Doch genauso weiß ich, dass ich dich sympathisch finde und wenn du mir schreiben würdest: "Hey ich bin morgen in deiner Stadt, hast du Lust ein Bier zu trinken", würde ich zusagen, sofern ich Zeit habe. Ich habe keine Ahnung wie viel von dem Wallace, den ich kenne Maske ist und wieviel tatsächlich du. Es ist mir ehrlich gesagt auch egal. Wahrscheinlich hat sich das im Lauf der Zeit auch mal in die eine oder andere Richtung verschoben. Was für mich wichtig ist, ist dass ich weiß, dass du ein sympathischer Kerl bist und selbst wenn das nur Maske ist und du mehr von dir zeigst, wird sich daran erstmal nichts ändern. Am Ende nimmt einen nie jemand so wahr wie man tasächlich ist. Es gibt immer einen Spalt zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung. Das heißt jetzt nicht, dass es egal ist, ob du dich hinter einer Maske versteckst. Wenn man sich offen ausleben kann und nicht verstecken muss ist das um längen ein angenehmeres Leben.

      Was ich aber auch weiß, ist, dass ich um dich trauern würde, falls du stirbst. Dabei tut es für mich gar nicht zur Sache, ob ich dich so kenne, wie du tatsächlich bist. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass ich nur gewisse Teilaspekte von dir kenne. Aber um den Wallace, den ich kenne würde ich trauern, er ist ein feiner Kerl, den ich vermissen würde. Definitiv.

      Ich weiß nicht, wie sinnvoll mein Geschreibsel hier ist. Geschuldet der Uhrzeit ist das eher in einen Bewusstseinsstrom ausgeartet. Ich hoffe, ihr könnt was damit anfangen. :D
    • Ronald Soak schrieb:

      Ich habe keine Ahnung wie viel von dem Wallace, den ich kenne Maske ist und wieviel tatsächlich du. Es ist mir ehrlich gesagt auch egal. Wahrscheinlich hat sich das im Lauf der Zeit auch mal in die eine oder andere Richtung verschoben. Was für mich wichtig ist, ist dass ich weiß, dass du ein sympathischer Kerl bist und selbst wenn das nur Maske ist und du mehr von dir zeigst, wird sich daran erstmal nichts ändern. Am Ende nimmt einen nie jemand so wahr wie man tasächlich ist. Es gibt immer einen Spalt zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung. Das heißt jetzt nicht, dass es egal ist, ob du dich hinter einer Maske versteckst. Wenn man sich offen ausleben kann und nicht verstecken muss ist das um längen ein angenehmeres Leben.
      :applaus: :applaus: :applaus: :applaus: :applaus: :applaus:
      Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen!


      „Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren.“

      Karl Popper


      Hätten wir nicht das Glück gehabt, in Europa, sondern in Afrika geboren zu sein, könnten wir jetzt in den Booten sitzen oder im Mittelmeer ertrinken.
    • Erstmal finde ich klasse, dass du über das Thema so ausführlich mit allen inneren Gefühlen schreiben kannst. Das ist finde ich etwas, was wertvoll ist :)

      Ich find deinen Beitrag auch sehr interessant. Ich hatte selbst einmal eine Phase, in der ich der Überzeugung war, dass ich nicht älter werde als 18 Jahre. Und irgendwann war ich dann 18 Jahre alt. Bei mir war es kein Erstaunen darüber, dass ich 18 geworden bin, sondern eher eine Erkenntnis, dass das Leben nicht immer die schlimmste Wendung nimmt, mit der man persönlich rechnet.
      Also ich finde es extrem interessant, dass du etwas ähnliches erlebt hast.

      Aus meiner persönlichen Erfahrung finde ich, dass diese Überzeugung durchaus Zerstörungspotential hat. Denn genau diese Überzeugung hat mich damals im gewissen Maße zu einem "Lebe den Tag als wäre es dein letzter"-Einstellung geführt. Wenn mich wer gefragt hat, ob ich schwänzen will um Shiha zu rauchen, einfach abzuchillen, shoppen zu gehen und was weiß ich, dann habe ich ja gesagt. Ich war ja der Überzeugung nicht sonderlich alt zu werden und sah damals keinen Sinn darin mich in der Schule großartig anzustrengen. Ich war da, um Spaß mit meinen Freunden zu haben und wenn wir was in der Schulzeit unternehmen wollten, dann haben wir das gemacht. Ich wollte möglichst viel noch erleben, möglichst viele Erfahrungen sammeln, habe Drogen (nicht exzsessiv) ausprobiert und viel Unsinn gemacht.

      Interessanterweise hat mich dann ein Schulwechsel dazu gebracht, doch wieder nach vorne und nicht mehr nur auf heute zu sehen. Meine Einstellung hatte sich nicht komplett geändert aber zumindest habe ich mich angestrengt und habe dann eine sehr gutes Abitur gemacht.

      Carpe Diem würde ich daher nicht hedonistisch mit "Genieße den Tag" übersetzen, sondern vor allem mit "Nutze den Tag" und zwar in dem Bewusstsein, dass es mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nicht dein letzter Tag ist. Ich finde diese Einstellung viel positiver und habe diese Einstellung aus meinen eigenen Erfahrungen mitgenommen.

      Was ich für mich persönlich auch wichtig finde ist, dass man sich bewusst ist, dass der Tod zum Leben dazu gehört wie die Geburt. Kurz nachdem meine Oma gestorben ist hat mein Cousin sein erstes Kind bekommen. Die Vergänglichkeit gehört zum Leben dazu und deswegen finde ich es wichtig, dass man sein Leben versucht so zu leben, dass wenn der Tod kommt, man sich genügend darauf vorbereitet hat. Wenn ich mich streite, versuche ich mich spätestens am nächsten Tag mit der Person wieder zu vertragen. Ich sage meinen Liebsten oft, dass ich sie liebe. Meine größte Angst bei dem Thema ist, dass ich im Streit mit irgendwem sterbe, den ich liebe und dadurch mein Tod noch größeren Schmerz verursachen würde.

      Ich finde es wichtig, dass man jeden Tag vor allem mit dem Bewusstsein lebt, dass es wahrscheinlich nicht dein letzter Tag ist und man gleichzeitig halt auch sich bewusst macht, dass es vielleicht doch dein letzter Tag ist. Eine Mischung aus Genießen und Nutzen und mit dem Streben möglichst viele Tage genießen zu können. Wenn man sich dann noch Bewusst macht, dass auch andere Menschen nach diesem Glück streben und daher es sehr wertvoll ist, wenn man Glück teilt oder gemeinsam erlebt, ist das auch finde ich sehr wertvoll :)

      Der Tod ist finde ich ein Thema, dass einen sehr beschäftigen kann, gerade wenn man plötzlich mit dem Thema konfrontiert wird. Als ich noch recht klein war ist die Schwester meiner Mutter durch einen Autounfall gestorben. Ich habe den Schmerz meiner Mutter miterlebt. Das war ein prägende Erfahrung für mich, im Guten wie im Schlechten.
      Ich glaube auch, dass der Tod im Alter erträglicher ist. Bei meinem Opa und meiner Oma war es auf jeden Fall so, dass wir alle gesagt haben, dass sie ihren Frieden gefunden haben.

      Es ist ein Thema, über das man wirklich viel schreiben kann^^
      Persönliche Angriffe sind die Argumente jener, der über keine Argumente mehr verfügen.
    • Wallace ich kenne dich nicht privat, aber in vielen Simulationen sind wir uns seit 2012 immer wieder über den Weg gelaufen und haben schon an vielen Projekten gearbeitet. Sei es in einem Kabinett, an der Gestaltung einer Politiksimulation oder einer Fußballsimulation. Immer habe ich gerne mit dir zusammengearbeitet, ganz einfach weil du immer jemand warst und bist, der anderen Menschen gegenüber grundlegend mit Respekt und Freundlichkeit begegnet. Da hast du dich nie verändert und das gefällt mir. Ich kann mich nicht erinnern, dass sich hinter deinem Rücken irgendwer abfällig über dich geäußert hat. Denn der Respekt den du anderen gegenüber erbringst, der wird dir auch erbracht. Das gilt auch für einige andere hier, aber Wallace, du gehörst zweifelsohne dazu. Dies möchte ich an dieser Stelle zum Ausdruck bringen, weil soetwas oft anderen Menschen viel zu selten gesagt wird.

      Ich möchte jetzt zwar weniger über den Tod philosophieren, aber ich denke das du gerade im Hinsicht zu dem Thema Krisen meine Meinung bestätigst. Man kann mehr durchstehen, als man selbst für möglich hält. Es geht immer irgendwie Aufwärts und dann wieder Abwärts, aber am Ende hält man durch. Ich bin der festen Überzeugung das der Wille stärker ist als jede Krise. Man muss sich zu seinem Willen nur innerlich bekennen. Das du heute weiterhin hier bist und deinen 25. Geburtstag erlebt hast, zeigt, dass du den nötigen Willen hast. Ich finde, dass das ein Erfolg für dich ist, auf welchem du aufbauen kannst. :)